In Gedenken an Jad Turjman: 

 

Als ich Jad das erste Mal begegnete, trug er einen Poetry Slam vor. Das war in Linz, 2019, und wir waren beide von Rudi Anschober zu einer Integrationsveranstaltung eingeladen. Jad hatte gerade sein erstes Buch herausgebracht. Er erzählte davon und brachte uns in 30 Minuten gleichzeitig zum Weinen und Lachen. Und ich erinnere mich gut, wie ich dort durch ihn wirklich verstand, warum Geflüchtete nicht als Erstes die Integrationsmeisterschaft im Kopf haben, wenn sie ankommen, sondern ein Fluchttrauma bewältigen müssen. „Mein Rucksack war voll“, drückte Jad es aus. Ich fragte ihn sofort, ob er Lust habe für biber zu schreiben und ich weiß noch, wie ich innerlich betete, dass er nicht bereits woanders engagiert war und vor allem, dass er zusagte. Tat er, welch Glück! Ab Herbst 2019 schrieb Jad regelmäßig seine Kolumne im biber-Magazin und erzählte dort von seinem Leben als Flüchtling in Österreich. Von Anfang an war klar, Jad war besonders, ein Geschenk für die Redaktion, für biber, unsere Leser:innen. Es blieb natürlich nicht nur bei Kolumnen, oft riefen wir ihn an und fragten, ob er aus seinem Facebook-Posting nicht einen Kommentar schreiben wolle.

Jad hatte die Gabe, leichte Texte voller Tiefe, Gefühl und Klugheit zu schreiben – sehr persönlich und mit einer Art bescheidenen Spitzbübigkeit. Oft verglich er Wien und Damaskus, er erzählte von sich in Österreich oder seiner Mutter in Syrien, er schilderte komische Anekdoten vom Schuh-Shopping oder von Fußballduschen. Jad hatte Humor, jenen besonders guten der (Selbst-)Ehrlichen, der weder überheblich mit dem Finger auf andere zeigt, noch auf sich selbst mit Stolz. Er schrieb wunderbare Sätze wie: „Ich versuche ständig mein Empathievermögen zu trainieren“, wenn ihn das Liebesvermögen unserer Generation irritierte.  Vor allem aber irritierte und beschäftigte ihn die Integrationsfrage und die Wertdebatte über Flüchtlinge in unserer Gesellschaft. Er fragte offen: „Kann ich ohne Angst ganz ich selbst sein, mit allem, was ich mitbringe und trotzdem gut integriert sein?“ Er wollte wissen, ob er als Flüchtling Anspruch auf Liebe habe. Und fragte die Österreicher:innen: Seid ihr alle gut integriert?

Ich werde diese Fragen, diese Sätze und Texte vermissen und vor allem diesen so liebenswerten Menschen dahinter. Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass Jad nicht mehr da ist. Es ist zu traurig um wahr zu sein. Sein Verlust ist so groß, das Unglück so ungerecht. Weil mir in den ersten Tagen die Worte gefehlt haben, las ich viele seiner Kolumnen und Kommentare nochmal. Zum Beispiel „Ich bin jetzt Österreicher. Aber mit schlechtem Gewissen.“ (https://www.dasbiber.at/content/ich-bin-jetzt-oesterreicher-und-du-nicht) Er begann diese Kolumne wie so oft mit Humor und schrieb: „Nun ist es offiziell: Ich habe die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Ihr könnt Österreich dazu gratulieren, dass ich sie angenommen habe.“ Es mag von ihm im Scherz geschrieben sein, ich finde, es ist die Wahrheit: Österreich kann sich glücklich schätzen, Land dieses großen „Sohns“ geworden zu sein. 

 

Jad ist beim Wandern ums Leben gekommen, einer Tätigkeit, für die es im Arabischen kein Wort gibt. Das erklärt er in seiner Kolumne: „Mein Sohn, was haben die Europäer aus dir gemacht?“ (https://www.dasbiber.at/content/mein-sohn-was-haben-die-europaeer-mit-dir-gemacht) Es ist ein wunderschöner Text über seine Wanderliebe. Darin schreibt er: „Ich habe mit dem Berg und dem Wald, durch den ich immer gehe, eine Freundschaft auf Augenhöhe geschlossen. Ich kenne jeden einzelnen Baum, und sie kennen mich inzwischen gut.  Ich kann mich beim Wandern ohne Wenn und Aber diesem Wald und diesem Berg zugehörig fühlen. Ich musste gar nicht beweisen, dass ich nicht schlimm wie meinesgleichen bin, auch keine Leistung erbringen, um willkommen zu sein. Ich rede mit ihnen sogar auf Arabisch und sie verstehen mich.“

 

Ich weiß nicht, ob das Trost oder Tragik ist, oder beides zugleich. 

Mein tiefes und herzliches Beileid wünsche ich seiner Familie und seinen Freunden.

Jad, mögest du in Frieden ruhen.

 

Delna Antia