Liebe Freundinnen und Freunde - Liebe Wegbeleiter von Jehad,

 

(ich nenne ihn bewusst Jehad, weil wir ihn unter diesem Namen, vor seiner Umbenennung in Jad, kennen gelernt haben).

 

Danke, dass Sie alle zur Verabschiedung von Jehad kommen sind! Das bedeutet uns sehr viel und ist Zeugnis seines großen Wirkungskreises und jener Menschen, deren Herz er berührt hat.

 

Als Jehad 2016 in Begleitung einer Flüchtlingsbetreuerin vor unserer Haustür stand, war er ein blasser, schüchterner und traumatisierter junger Mann. Ich blickte in seine grünen, müden Augen und habe ihn sofort in mein Herz geschlossen.

 

Wir besichtigten gemeinsam seine zukünftige Wohnung, die in unserem Haus ist und er fragte: „Ist das alles für mich?“ Wir lachten und bejahten seine Frage. In unserem Haus ist genug Platz und dadurch, dass er seinen eigenen Wohnbereich hatte, hatte er seinen eigenen Rückzugsbereich, konnte selbständig werden und bekam Hilfe und Unterstützung von uns, wann immer er diese benötigte.

 

Wir haben von vielen Mensch Anerkennung und sogar Bewunderung erhalten, dass wir einen FLÜCHTLING in unser Haus aufgenommen haben. Für uns war das keine große Leistung und um es bildlich auszudrücken: wir haben über das Flugfeld verfügt, fliegen musste er selbst.

 

Das hat er auf bemerkenswerte Art und Weise getan und das hat uns stolz gemacht.

 

Unser Sohn Moritz hatte plötzlich einen großen Bruder und die beiden haben gemeinsam sehr viel lustige Dinge unternommen und viel Spaß miteinander gehabt. Jehads Lachen wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. So sind wir sehr rasch als Familie zusammenwachsen. Wir haben zusammen gegessen, gefeiert, gelacht, Weihnachten und Ostern gefeiert, zusammen Urlaube verbracht und wenn Jehad Liebeskummer hatte, haben Herbert und er diesen mit einem Schluck Whiskey gelindert. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung davon, was für ein Rohdiamant durch diese einfache, und für uns eigentlich selbstverständliche Hilfeleistung in unser Haus kommen ist.

 

Jehad war ein Grenzgänger:

 

Er hat viele Grenzen überwunden, um hierher zu kommen. Diese Grenzen hat er in eindrücklicher Art und Weise in seinem ersten Buch beschrieben.

 

Die Kälte in Mazedonien konnte ich beim Lesen fast physisch spüren. Was Jehad aber so einzigartig gelang: bei all dem beschriebenen Leid und den erlebten Strapazen war immer auch ein eine gehörige Portion an Situationskomik dabei.

 

Jehad hat aber auch Sprachgrenzen bravourös gemeistert:

Arabisch – Deutsch haben nicht besonders viele Gemeinsamkeiten und wir waren alle sehr erstaunt, wie schnell er unsere Sprache erlernt hat. Dass das nicht einfach ist, kann sich jeder vorstellen und es gab lustige Situationen, wo er zur Adventszeit anstatt der Kerze vor unserm Haus unsere Katze anzünden wollte.

Anfangs hat er darauf Wert gelegt, nur Hochdeutsch zu sprechen, mit der Zeit aber versuchte er sich auch im Dialekt und fand in unserem Sohn Moritz einen guten Lehrer.

 

Bei der Suche nach seinen Dokumenten nach seinem Tod stießen wir auf einen Stapel von beschrifteten Blättern, die mich tatsächlich fasziniert haben.

 

Er hat akribisch versucht, in die feinen Nuancen der Deutschen Sprache einzutauchen und hat auf unzähligen Blättern Synonyme aufgeschrieben wie z.B. drücken ist nicht drucken….

 

Jehad ist durch seine offene, auf alle Menschen zugehende Art schnell bei uns heimisch geworden. Er war als unser „Ziehsohn“ rasch in unseren Familien und in unserem Freundeskreis aufgenommen. Der Freundeskreis in Salzburg und hier in Mattsee wuchs. Er spielte beim heimischen Fußballclub mit, arbeitete beim Samariterbund, bei Akzente und Heroes in Salzburg und vergrößerte seinen Freundeskreis rasch bis nach Wien.

Für uns war er ein „Vorzeigeflüchtling“, der sich rasch und auf äußerst positive Weise integrierte. Er selbst bezeichnet sich in seinen Comedy-shows als „Flüchtling des Vertrauens“.

Jehad konnte hier bei uns eine neue Heimat finden, einen Platz, wo er sich sicher fühlen und er sein großes Talent entfalten konnte – aber konnten wir Jehad tatsächlich seine syrische Heimat ersetzen?

 

 

Vielleicht ein wenig.

Ein Sprichwort sagt: „Dahoam is do wo´s Gfüh is“.

 

Aber wo war dieses Heimat-Gefühl wirklich? Zu Hause in Damaskus bei seiner Mutter, die er so schmerzlich vermisste?

Ich denke, dass er auf der Suche war, dieses Gefühl hier in Österreich zu finden oder auch in sich selbst, wie er es in seinem dritten Buchtitel „Wenn der Jasmin Wurzeln schlägt. Wie ich gelernt habe, die Heimat in mir zu finden“.

 

Jehad war oft verzweifelt und er fragte sich und uns oft, was er denn noch alles tun müsse, um nicht mehr als „Ausländer“ wahrgenommen zu werden. Er hatte unsere Sprache in kürzester Zeit gelernt, war in Mattsee integriert, hatte drei Bücher geschrieben, war als Stand-up-Comdian unterwegs, ein Psychotherapiestudium begonnen… kurzum, er hat in kürzester Zeit soo viel geschafft und auch vor einem Jahr die Österreichische Staatsbürgerschaft bekommen.

 

Zwei Tage vor seinem Unfall wurde er neben unserem Beisein am Recycling-Hof in Mattsee als „Scheiss-Ausländer“ beschimpft, weil er – so wie alle vor und nach ihm Gegenstände entsorgt hatte, deren Entsorgungsart einem Mitarbeiter nicht gepasst haben“. Trotz sofortiger Intervention von unserer Seite vor Ort und langen Gesprächen nach diesem Ereignis zu Hause, konnten wir sein Leiden nicht mindern, ihm seinen Schmerz nicht nehmen und er hat wohl wieder einmal erkennen müssen, dass er in den Augen vieler IMMER Ausländer sein wird.

 

Absturz

Was uns natürlich beschäftigt, ist die Frage was ihn zur Unzeit auf genau diesen Berg, der auf der Grenze zwischen Österreich und Deutschland ist, hinaufgezogen hat. War es wieder einer seiner Grenzerfahrungen? Wollte er seine eigenen Grenzen spüren?

Ein Sprichwort sagt: Jeder wird mit einem Rucksack voller Glück geboren. Jehads Glücks-Rucksack war auf jeden Fall gut gefüllt. Viel davon hat er auf seiner Flucht verbraucht. Er hatte, wie in seinem ersten Buch beschrieben, viele Schutz-Engel gehabt. Die ihn immer wieder auffingen.

Aber diesmal, am 30. Juli am Hohen Göll war sein Glücks-Rucksack offensichtlich verbraucht. Er hätte, laut Polizei nur noch 10 Minuten weiterkommen müssen und wäre dann auf sicherem Terrain gewesen.

 

Jehad war für uns, wie unser lieber Freund Thomas letzte Woche am Telefon sagte, auch „Glücksbringer“. Das gilt ganz besonders für unsere Familie. Für uns war er im besten Wortsinn ein Glücksfall und der große Bruder von Moritz. Wir sind unendlich dankbar, dass Moritz in seiner wichtigen Zeit des Heranwachsens so einen klugen Kindskopf wie Jehad an seiner Seite hatte. Uns „Eltern“ hat er in zahlreichen Gesprächen immer wieder herausgefordert, unser Weltbild auf unterschiedlichste Art und Weise zu hinterfragen und zu erweitern. Für uns war er ein Vermittler zwischen den Welten. Er war ein Glück und niemals eine Last.

 

Gib es irgendwas Positives an diesem tragischen und viel zu frühen Tod?

Eigentlich vieles was ich nicht gedacht hätte. Wir erhielten unzählige liebevolle Mails und Nachrichten von Freunden und Bekannten aber auch uns wildfremden Menschen. Wir hatten das Glück auf empathische Behörden-MitarbeiterInnen zu treffen, von der deutschen Polizei, den Bestattungsunternehmen in Traunstein und Salzburg bis hin zur österreichischen Fremdenpolizei.

 

Dafür möchten wir DANKE sagen. Das war keinesfalls selbstverständlich.

 

Was bleibt von den letzten 6 Jahren, die Jehad bei uns verbracht hat

Trauer, Wut, Fassungslosigkeit immer noch auf der einen Seite - aber auch eine tiefe Dankbarkeit, dass er bei uns sein konnte.

Wir werden die teilweise durchaus auch konfrontativen Gespräche vermissen.

 

Jehad, wir werden dein Lachen vermissen.

Wir werden unsere Freude vermissen und den Stolz, wenn dir wieder etwas Spektakuläres gelungen ist.  

 

Wir werden deine grünen lebendigen und strahlenden Augen vermissen.

Habibi, wir werden DICH vermissen

 

Christine & Dr. Herbert Schöchl