Lieber Jad,

 

dass wir heute hier jetzt so zusammengekommen sind, ist falsch, es ist nicht richtig, so sollte es nicht sein. Wir sollten uns auf dein neues Buch freuen, wir sollten einen Tag für einen gemeinsamen Spaziergang finden, du solltest mich aufziehen, wenn Juventus Turin schlecht gespielt hat, weil es in deinen Augen natürlich nur einen einzig wahren Club, Real Madrid, geben kann.

 

Und doch ist es anders gekommen. Wir sind heute hier, um gemeinsam an dich zu denken und uns zu erinnern.

 

Lieber Vater von Jad, lieber Bruder, liebe Familie Schöchl, liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Trauergemeinde,

ich wurde gebeten, von Jad zu erzählen und dieser Bitte komme ich sehr gerne nach.

 

Jad war über drei Jahre im Team von akzente Salzburg, er war einer unserer Gruppenleiter des Programms „HEROES – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“. Jad fehlten selten die Worte, er war im Team und im Haus bekannt für seine Neugierde, für seinen „Durst“ nach Wissen, nach Austausch und Diskussion.

 

Er blieb dabei stets sachlich und wollte sein Gegenüber genau kennenlernen, versuchte zu verstehen, zuzuhören und alles aufzunehmen. Bei HEROES gibt es kein Richtig oder Falsch und genau das lebte Jad. Er hinterfragte alles, und damit meinen wir wirklich alles – „Wo komme ich her, wo gehe ich hin, wer bin ich, was macht mich aus?“. Und genau dieses Hinterfragen gab er auch den Jugendlichen weiter – höre nie auf, dich selbst in Frage zu stellen, deine Werte, deine Meinungen, deine Einstellungen, überprüfe sie stets, bleib nicht stehen und ruh dich nicht aus.

 

Jad machte sich wenig aus Ruhm und Ehre, auch wenn er davon viel bekam – wir durften seinen Werdegang zum Autor mitverfolgen und unterstützen, für uns im Haus war das natürlich auch aufregend und eine Freude – zu sehen, welche Anerkennung und Wertschätzung Jad durch seine Bücher zuteil wurde.

 

Wichtig waren ihm Freundschaft, wahre Worte und ein guter Witz. Er hatte einen trockenen, manchmal schwarzen Humor – der das gesamte Team nicht nur zum Lachen, sondern vor allem zum Nachdenken brachte. Die Jugendlichen begeisterte er mit seinen Geschichten, seinen Erfahrungen und seiner Empathie. Hatten doch manche HEROES einen ähnlichen Weg hinter sich. Und doch ging er offen mit seinem Schmerz, seiner Unsicherheit und seinen Sehnsüchten um – und schämte sich nicht, sondern sprach mit ihnen darüber.

 

In den Schulworkshops brachte er Klassen mit oft provokanten Fragen zum Diskutieren, Hinterfragen, zum Nach- und Umdenken. Er liebte es in Rollenspielen in die verschiedensten Charaktere zu schlüpfen (mal die Schwester, den Vater oder den Bruder). HEROES vermittelt unter anderem mittels Rollenspielen Stereotype, Diskriminierung und Rassismus – alles, was Jad zutiefst ablehnte und verändern wollte – und das Programm versucht diese in Trainings, Fortbildungen und vielen, vielen Gesprächen aufzubrechen. Jad scheute auch nicht bei politischen Diskussionen aufzustehen und für seine Werte einzustehen – das hat viele Jugendliche beeindruckt.

 

Jad gab ihnen eine Stimme, wo manchmal die Sprache fehlte. Sprache war überhaupt seine wertvollste Quelle. Es verging kein Tag, an dem er nicht nach einem Sprichwort, einem Wort im Dialekt suchte oder fragte „kannst du mir dieses Wort umschreiben“ – und zu unserem Erstaunen nahm er alles auf, verwendete die kompliziertesten Wörter bei Diskussionen und beeindruckte mit Wissen über Grammatik und Satzbau der österreichischen Sprache.

Er war ehrlich und direkt, nie um einen Witz verlegen, aber wenn es darauf ankam, ernst und ruhig. Jad war immer offen für Neues, probierte gerne vieles aus. Auf unseren Ausflügen war er ein großer Unterhalter, der die Jugendlichen bei Laune hielt und auch uns. 

 

Letztes Jahr verließ Jad HEROES – wollte studieren, mehr Comedy machen und sich seinem Buch widmen, aber der Jugendarbeit wollte er treu bleiben – Workshops halten, Jugendliche zum Nachdenken bringen; das konnte er, das war seine Leidenschaft und das wird von Jad ganz sicher bleiben.

 

Ich habe gehört, dass Sie, Herr Turjman, gemeinsam mit Ihren mit angereisten Sohn, die Möglichkeit hatten, vor ein paar Tagen Jads Arbeitsplatz bei akzente zu besuchen. Sie waren dort, wo sein Schreibtisch steht, wo noch Fotos von ihm in verschiedenen Workshopsituationen mit Jugendlichen hängen und Sie waren dort, wo all die Themen und Konzepte von ihm erarbeitet wurden, die er in seiner täglichen Arbeit benötigte. Schön, dass Sie diesen Geist, dieses Wirken mit den Jugendlichen und den jungen HEROES aufnehmen konnten – und auch das ist etwas, das von Jad bleiben wird.

 

Lieber Vater von Jad, lieber Bruder, liebe Familie Schöchl, liebe Freundinnen und Freunde, im Namen von akzente Salzburg darf ich Ihnen allen unser aufrichtiges Beileid und tiefes Mitgefühl aussprechen. Ich danke Ihnen.

 

akzente Salzburg/Marietta Oberrauch