Suche
  • Jad Turjman

Büchervernichtung


Sind wir Menschen eingeschränkt?

Können wir unsere Begrenztheit wahrnehmen und eingestehen?

Wieso dürfen fast immer Menschen im Fernseher, Radio und in der Zeitung zum Wort kommen, die einen Absolutheitanspruch alles zu wissen vertreten?


Wissen wir alles?


Ich erzähle euch eine kleine Geschichte unserer Begrenztheit.

Am 10. Februar 1258 haben die Mongolen, geführt von Hülegü, Bagdad in Schutt und Asche gelegt. Dabei zerstörten sie das Haus der Weisheit: die größte Bibliothek und das Haus des Wissens auf Erden damals. Sie warfen unzählige wertvolle Bücher und historische Dokumente über Themen von Medizin bis Astronomie in den Fluss Tigris. Überlebende sagten, dass das Wasser des Tigris von der Tinte schwarz war. Am 10. Mai 1933 inszenierte die Deutsche Studentenschaft eine Aktion, um Bücher in Berlin zu verbrennen. Bücher von: Ernest Hemingway James Joyce Karl Marx Franz Kafka Victor Hugo Heinrich Mann Und vielen anderen, weil diese Bücher nicht germanisch waren. Der Propagandaminister in Hitlers Regierung sagte den StudentInnen: „Darüber sind wir geistigen Menschen uns klar: Machtpolitische Revolutionen müssen geistig vorbereitet werden. An ihrem Anfang steht die Idee, und erst wenn die Idee sich mit der Macht vermählt, dann wird daraus das historische Wunder der Umwälzung emporsteigen.“ In seinem dystopischen Roman „451 Fahrenheit“ schrieb Ray Bradbury über eine fantasierte zukünftige Gesellschaft in den USA, in der Bücher verboten sind. Der Grund dafür ist der simple, dass Bücher in Wiederspruch zum allgemeinen Wunsch des „Glücklichseins“ stehen, und sie für Spaltung und kritische Stimmung sorgen. In dieser Gesellschaft ist die Aufgabe der Feuerwehr Bücher zu verbrennen.


Der Hauptprotagonist Guy Montag erlebt jedenfalls beim Erledigen seiner Aufgabe etwas Seltsames. Er sieht eine Frau, die sich mit ihren Büchern ins Feuer wirft. Er versteht ihr Verhalten nicht und versucht herauszufinden, warum sie das macht. Er hebt heimlich eins dieser Bücher auf und liest es später. Am Ende dieses Romans schließt sich Montag einer Gruppe an, die sich zur Aufgabe macht, sich dieses Erbe an Wissen im Kopf anzueignen, weil das Gedächtnis fern der Gräueltaten bleibt. Weil Massaker an Büchern zu Massakern an Menschen führen. Und das führt mich zu der Erkenntnis, die ich mit den Worten von Heinrich Heine konkretisieren möchte: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Und leider ist das nicht nur im Roman der Fall. Das ist eine Realität, die sich immer wieder wiederholt. Nicht nur in der weit entfernten Vergangenheit oder in Nazideutschland. Das ist in China dasselbe. Oder in der Geschichte des Orientalischen Instituts in Sarajevo. Sarajevo war eine Ikone der Toleranz. Eine Stadt, in der Muslime, Christen und Juden in Harmonie lebten. Am 18. Mai 1992 wurde das Orientalische Institut von serbischen Streitkräften in der belagerten Stadt Sarajevo bombardiert. Es wurden 5263 gebundene Manuskripte in arabischer, persischer, türkischer, hebräischer und lokaler Arecica (bosnisch in arabischer Schrift) Sprache sowie Zehntausende von Dokumenten aus der osmanischen Zeit zerstört. Der britische Journalist Robert Fisk sagte: „Sie bringen die Verstorbenen um und die Lebenden.“ Das Traurigste an diesem Ereignis ist, dass sogar AkademikerInnen es unterstützt haben, wie der Psychiater Jovan Raskovic, der Gründer der Serbischen Demokratischen Partei.  Er behauptete, dass Muslime und Kroaten geistig gestört seien. Und Professor Nikola Koljevic, der tausende muslimische StudentInnen 28 Jahre lang an der Universität von Sarajevo unterrichtet hat. Und Dr. Biljana Plavsic, die ethnische Säuberungen anordnete. Sie bezeichnete Muslime „als genetischen Irrtum im serbischen Körper“. Mein Opa erzählte mir mal, dass er selbst, als die Al Baath-Partei Hausdurchsuchungen machte, Bücher verbrennen musste, weil sie andere Meinungen vertraten als die des Regimes. Und das tut mir am allermeisten weh. Wenn Menschen gezwungen werden, selbst ihre Bücher zu vernichten. Bücher tragen das ganze Wissen und die Geschichte der Menschheit, aber ihre Körper sind fragil und können gegen die Gewalt der Menschen nicht überleben. Ich habe diesen Betrag geschrieben, weil ich Bücher liebe. Weil die Zerstörung einer Kultur jeden Menschen auf der Welt etwas angeht. Bücher sind offene Fenster auf die Welt. Ein Buch ist ein Freund, Protokollführer und Zauberer.



0 Ansichten