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  • Jad Turjman

Bist du Christ?

Aktualisiert: Sept 9

Bist du Christ? Du bist offener und aufgeschlossener als deine Landsleute!

Du bist aber sicher kein strenger Muslim, daher kommst du mit der österreichischen

Mentalität zurecht.

Was ist dein Geheimnis, so gut integriert in Österreich zu sein?



All diese und andere Fragen und Aussagen bekomme ich oft bei meinen Auftritten zu hören.

Dabei fühle ich mich selbst nicht gut integriert. Woran denn?

Ich kann für mich selbst nicht definieren, was diese sogenannte Integration ist?

Ich weiß nur, dass Flucht oder Migration oft bedeutet, dass du auf den Startpunkt des Lebens

zurückgeworfen wirst. Und das ohne die Fürsorge deiner Eltern und die vertraute Umgebung!

Natürlich war mir all dies auf der Flucht und bei meiner Ankunft nicht bewusst.

Ich wollte einfach so weit es geht, von dem Wahnsinn in Syrien wegkommen und in einem

Land leben, in dem ich als Mensch respektiert werde.

Die ersten Wochen nach meiner Ankunft waren voller Erleichterung. Ich war froh in so einem

hochentwickelten Land angekommen zu sein und fasziniert von der Hilfsbereitschaft und

Freundlichkeit der ÖsterreicherInnen, die uns in vielerlei Hinsicht unterstützten.

Aber diese Phase hielt nicht lange an. Abgesehen vom Heimweh und dem schweren Rucksack

der Erlebnisse des Kriege und der Flucht, wird die Erfahrung fremd zu sein und die

Perspektivlosigkeit zu einer zunehmenden Bürde. Es war für mich klar, um wirklich

anzukommen, muss ich mich auf das Leben hier einlassen und Näheres kennenlernen.

Ich habe die Wohnung in Wien abgelehnt und bin in das Salzburger-Land eingezogen. Ich

habe die deutsche Sprache bis zum C1-Niveau studiert. Was dann passierte war, je mehr

ich mich mit ÖsterreicherInnen umgeben habe, desto stärker wurde das Gefühl des

Andersseins. Die fehlenden sozialen Codes und Beherrschung der Sprache wurden

immer mehr zur hemmenden Barriere. Oft erlebte ich, wenn ich etwas Kompliziertes

artikulieren wollte, dass die Worte in meinem Mund stockten und lange brauchte bis

ich die passenden Begriffe fand, und dann fällt dir jemand ins Wort und das

Gespräch geht weiter und ich fühlte mich sprachbehindert. Ab einem bestimmten

Zeitpunkt wurde mir deutlich, dass einen gleichwertigen Ersatz zu dem was ich an

Zugehörigkeit nach der Flucht verloren habe, zu finden, nicht möglich ist.

Im übertragenen Sinne könnte man sich die Sache mit den sozialen Codes wie ein

Kabel-Adapter vorstellen. Das Kabelende soll in den Anschluss des Gerätes

hineinpassen, aber man kommt oft mit einem ganz anderen Adapter, der sich nicht

anschließen lässt. Sprich, die Sozialisation in der Heimat hat einen nicht auf diese

Lebensstile und Lebenssituationen vorbereitet. Es fehlen gemeinsame Themen,

Interessen und Werte.

Problematisch bei diesem Anpassungsprozess ist das Gefühl der zunehmenden

Entfremdung. Ich habe mich langsam von altem, gewöhnlichem Leben und

Herkunftsmilieu distanziert, ohne irgendwo anzukommen und ohne unmittelbar eine

soziale Heimat zu finden. Diese Entfremdung und Veränderung werden mir klar,

wenn ich mit meiner Familie telefoniere oder mit Landsleuten unterwegs bin.

Es klingt bis jetzt sehr nach schmerzhafter und verwirrender Erfahrung. Aber diese Erfahrung

hat auch positive Aspekte. Ich habe durch diese intensive Auseinandersetzung mit mir und

meiner neuen Umgebung, mehr zu mir selbst gefunden und habe mich mehr kennengelernt.

Ich bin mehr als je zuvor im Einklang mit mir selbst und habe mittlerweile meinen

personalisierten Lebensstil. Ich habe das Privileg aus zwei verschiedenen „Kulturen“ zu

profitieren. Denn genau diese Unterschiede machen das Leben bunt und bereichernd.


Je mehr ich Menschen die anderes als ich sind kennenlerne, umso schärfer wird meinen Blick auf die Wirklichkeit.


In meinem Verständnis geht es letztendlich darum, dass wir miteinander und zusammen

leben, dass wir unsere Individualität und Vielfalt als Chance und Stärke sehen, voneinander

lernen und niemanden in seiner Freiheit einschränken oder Schaden zufügen.

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