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  • Jad Turjman

Kein Mensch verlässt seine Heimat freiwillig

Als Flüchtling, der hier in Österreich eine neue Heimat gefunden hat, denke ich jeden Tag an die, die es nicht schafften. An die, die es nicht schafften zu gehen, an die, die es nicht schafften anzukommen und an die, die sich hier gar nicht zurechtfinden. Denn was der Krieg und die Verlorenheit der Flucht im Herzen der Menschen anrichtet, ist hässlicher als jedes Bild der hässlichen Aufnahmen. Als ich die Bilder des niedergebrannten Flüchtlingslagers in Moria sah, wurde ich zu der Zeit vor sechs Jahren zurückgeworfen, als ich auf der Flucht auf der Griechischen Insel Rodos landete und einfach voller Hoffnung irgendwo anzukommen war. Irgendwo anzukommen, wo ich als Mensch respektiert werde und in Würde leben kann. Irgendwo anzukommen, wo ich meine Träume verwirklichen und mich wieder verlieben kann.




 Jetzt habe ich es geschafft und habe ein neue Heimat geschenkt bekommen. Ich habe eine Heimat in den Herzen der Menschen gefunden, die mir mit Hingabe geholfen haben, mich heimisch hier und nicht mehr fremd zu fühlen.


Aber viel Menschen, die dasselbe Schicksal mit mir teilen haben es nicht geschafft und das schmerzt. Ich tue mir schwer auf das unmenschliche Geschehen, das gerade auf der griechischen Insel Moria passiert, hinzuschauen. Ich weiß oft nicht, wie ich mit diesen Ohnmachtgefühlen umgehen soll. Aber ich schaue bewusst hin. Hinschauen bedeutet nicht, dass unser Glück und unsere Zufriedenheit verdorben wird. Im Gegenteil! Hinschauen bedeutet, dass wir bewusst leben, dass wir uns unseres Segens und Friedens bewusst sind. Hinschauen erinnert uns daran, dass wir emotional sind, dass wir Menschen sind. Hinschauen lässt uns selbst besser verstehen, wo wir sind und wo wir hinwollen. Hinschauen lässt uns die anderen und ihre Bedürfnisse besser verstehen. Hinschauen lässt uns viele unserer Leiden relativieren. Hinschauen erweitert unseren Horizont und unsere Wahrnehmung für die Gesamtheit unsere Welt. Hinschauen ist der Anfang des Aktivwerdens... Wenn wir was an diesem Leid etwas ändern könnten und nichts machen, dann sind wir mitverantwortlich. Und was hört man von unserer Regierung? Nur "Herumeiern“. Die Antwort der Integrationsministerin beim Zahleninterview mit biber auf die Frage "wie viele Frauen und Kinder von Lesbos sollte Österreich aufnehmen? ", ist exemplarisch für den Zustand der Dekadenz, Überheblichkeit und des Narzissmus die unsere Gesellschaft erreicht hat. Sie meinte einfach "Null". Das sind Menschen wie alle anderen. Sie sind geboren wie alle anderen. Sie haben Mütter, Geschwister, Träume und Geheimnisse. Kein Mensch hat seinen Geburtsort und seine Sozialisation ausgesucht. Unsere Sprache soll grundsätzlich bewusster und wesentlicher werden. Es wird allen Ernstes darüber debattiert, ob die Betroffenen das Lager selbst anzündeten oder nicht. Auch Journalisten und Journalistinnen, die für sensible Sprache plädieren verwenden Begriffe wie "Wirtschaftsflüchtling". Wenn ich vor Armut, Gewalt und Unterdrückung flüchte, bin ich kein Wirtschaftsflüchtling. Ich habe drei Jahre als Asylbetreuer gearbeitet und eins steht fest, kein Mensch verlässt seine Heimat freiwillig. Solche Begriffe werden bewusst verwendet für die Verallgemeinerung, um diese Menschen als "Masse", als "Gesichtlose" zu machen. Aber die Tatsache ist, es sind keine Gesichtlosen. Es sind Menschen, die Hilfe brauchen. Und es geht nicht um die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Kinder, die Österreich aufnimmt. Ob ein Hundert zu wenig oder zu viel, ist erstmal nicht aussagekräftig. Es geht um unsere Haltung in solchen schwierigen Situationen. Die Vorgehensweise und das Handeln voriger Generationen wurde von uns sorgfältig analysiert und zerlegt. Ich bin nur neugierig, was die nächste Generationen in 100 Jahren über unsere Politik der Kurzsichtigkeit sagen werden. Die erste Prognose schaut jedenfalls nicht gut aus…


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