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  • Jad Turjman

Mehrsprachigkeit gerne aber bitte nur guten Sprachen“

Aktualisiert: Sept 9



Es gibt immer wieder die Forderung von Rechtskonservativen andere Sprachen als Deutsch auf dem Schulgelände zu verbieten. Dass an den Schulen Deutsch nicht nur im Unterricht, sondern auch vor und nach dem Unterricht und in der Pause Pflichtsprache ist.



Ich bin seit einem Jahr fast wöchentlich an verschiedenen Schulen mit den unterschiedlichsten Formaten: Vorträge, Schreibwerkstätten, Lesungen und Workshops. Ich wurde oft sowohl von Lehrer*innen als auch von Schüler*innen mit dem Thema Mehrsprachigkeit konfrontiert.


Ich habe unendlich viele Haltungen und gegensätzliche Meinungen zu dem Thema erlebt.


In erster Linie erlebe ich Lehrer*innen, die sich Sorgen um den Unterrichtverlauf machen, und deren hauptsächliches Ziel ist, dass keinE Schüler*in auf der Strecke bleibt. Als nächstes erlebe ich gekränkte Schüler*innen, die Deutsch als Muttersprache haben, und sich immer wieder ausgeschlossen fühlen, wenn sich ihre Mitschüler*innen in ihrer Anwesenheit in einer fremden Sprache unterhalten. Hingegen berichten mir oft Schüler*innen, die mehrsprachig aufwachsen oder Deutsch als Fremdsprache lernen, über ihren Missmut und das Gefühl jemand versuche ihnen den Mund zuzuhalten, als wäre ihre Muttersprache eine Schande. Natürlich trifft diese Thematik manche Schulen stärker als andere, doch eine gewisse Stigmatisierung kann man immer wieder auch außerhalb der Schule erleben.


Mir ist dieses Problem gar nicht so fremd. Ich habe mich oft gescheut in Österreich abzuheben, wenn ich im Supermarkt war und meine Mutter mich anrief. Ich wollte die skeptischen Blicke, wenn ich auf Arabisch rede, vermeiden. Andererseits nervt es mich auch extrem, wenn ich mit meinen kurdischen Freunden unterwegs bin und sie untereinander nur Kurdisch reden. Oft nahm ich an deutschsprachigen Fachseminaren Teil, und konnte nicht Schritt halten, weil ich viele Fachbegriffe nicht kannte.


Ich wurde oft gebeten, das Thema in der Klasse anzusprechen und meine Meinung dazu zu sagen. Und genau das wollte ich nicht tun. Ich konnte keine Aussage machen, die für alle fair ist und alle Faktoren umfasst.

So versuchte ich, wenn Mehrsprachigkeit zum Thema im Workshop wird, die Schüler*innen zu ermutigen die Rollen zu tauschen und sich empathisch in die Lage der anderen hineinzuversetzen.


So waren Burak und Can der Meinung, dass es nicht schlimm sei in der Klasse in ihrer Muttersprache etwas zu sagen. Ich habe ihnen zugestimmt und erklärt, dass es situationsbedingt ist und der Ton die Musik macht. Ich habe den Rest der Klasse gefragt, ob es in Ordnung sei mit Mohamad, der wie ich Arabisch spricht, kurz auf Arabisch zu reden. Ich fing an mich mit Mohamad zu unterhalten und habe dabei immer wieder Burak und Can anschaut, als würde ich über sie reden. Im Nachhinein sagten die zwei “es war unangenehm.”


Thomas und Julia haben sich bestätigt gefühlt. So habe ich sie gebeten sich noch einmal so leidenschaftlich über Ed Sheerans letzten Auftritt zu unterhalten, wie sie das am Anfang der Stunde taten – nur diesmal auf Englisch. Feedback war: „Wir konnten nicht so frei und fließend reden.”


Ich habe ihnen erzählt, dass es mir persönlich auch so geht. Ich habe das Bedürfnis über manche Sachen, besonders Emotionale, auf Arabisch reden zu wollen. Aber ich vermeide es strikt arabisch zu reden, wenn unter den Anwesenden jemand ist, der diese Sprache nicht versteht, und wir ohnehin alle Deutsch können.

Es soll nicht um die Frage gehen wer Recht und Unrecht hat, sondern darum wie wir respektvoll mit einander und mit unseren Unterschieden umgehen.


Es war für mich klar, dass trotzdem eine konkrete Auseinandersetzung mit der Thematik erforderlich ist. Ich habe zuerst den unterschiedlichen Schüler*innen zugehört und sie gefragt wie sie die Sache empfanden. Mit Liberalen, Konservativen, Expert*innen, und Lehrer*innen darüber geredet. Und vor allem habe ich mir die Sicht der Wissenschaft angeschaut.


Die wissenschaftliche Sicht ist einstimmig – nämlich, dass die Muttersprache von Kindern mit Migrations-, und Fluchthintergrund eine entscheidende Rolle beim Erlernen der deutschen Sprache spielt. Sie zu stärken und exakt zu lernen und beim Unterricht zu nutzen kann die kognitive Anregung und die nötige geistige Auseinandersetzung für das Erlernen weiterer Sprachen fördern.


Ich lehre regelmäßig drei syrischen Kindern Arabisch. Ich habe gemerkt seit ich die Stunde auf Deutsch und arabisch gleichzeitig gestalte, indem wir jedem neuen Begriff einen Deutschen gegenüberstellen, dass die Effektivität und Aufmerksamkeit deutlich gestiegen ist und sie sich das Gelernte nachhaltig merken


Auch der soziale und der psychische Aspekt ist von großer Bedeutung. Dadurch dass diese Vielfalt an Sprachen in der Klasse in gesunder Form sichtbar gemacht wird, dass diese Sprachen existieren und Platz in der Gesellschaft haben, werden Schüler*innen automatisch von dem Gefühl erlöst, dass ihre Sprache eine Schande sei. Dass sie sich nicht mehr dazu gedrängt fühlen, ihre Muttersprache in konfliktären Facetten präsentieren zu müssen. Das gibt ihnen das nötige Selbstbewusstsein motiviert die zweite Sprache zu erlernen. Denn wenn ein Kind in der Schule erfährt, dass die Sprache, die es zuhause spricht, die die Eltern sprechen, nichts wert sei, dann hat das verheerende Folgen für die Persönlichkeit.


In manchen Fällen ist die Zweisprachigkeit dieser Schüler*innen nicht das Problem, sondern es hängt von dem schlechten Sozialstatus und vom Sprachprestige dieser Familien ab und wie bestimmte Sprachen in der Gesellschaft wertgeschätzt werden. Wenn ein Kind deutsch-spanisch aufwächst, finden wir es toll und wenn es deutsch-türkisch aufwächst ist es doch ein Problem.


Ich hoffe, dass es nicht lange dauern wird, bis sich das Schulsystem dieses Problems annimmt und nicht mehr stur für rein deutschsprachige Schüler*innen gestaltet wird. Die Kinder sind so verschieden wie nie zuvor. Trotzdem werden Kinder die andere Sprachen sprechen als Problem wahrgenommen. Viele sehen in der Muttersprache den Grund für die mögliche Deutsch-Defizite dieser Schüler*innen. Obwohl die Wissenschaft mehrfach belegt hat, dass Mehrsprachigkeit zahlreiche positive Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung hat. Kinder die mehr Sprachen beherrschen sind besser in Mathematik und können schneller sich eine weitere Sprache, wie Englisch, aneignen. Und dass Kinder mit Spracharmut und einsprachig aufwachsen unterfordert sind.


Aus meiner eigenen Erfahrung, kann ich behaupten, dass die Spracherwerbsfähigkeit eines Menschen nicht separierbar ist. Es gibt keine Schublade für Deutsch, eine für Türkisch, und eine für Englisch. Wenn die Erstsprache ein gutes Fundament hat, profitiert auch die Zweitsprache und jede weitere Fremdsprache, die man lernt.


In meiner Recherche wurde ich auch mit einem der wohl absurdesten Argumente konfrontiert: „die Eltern sollen mit ihren Kindern zuhause Deutsch sprechen, dann haben sie weniger Schwierigkeiten im Unterricht”. Doch genau damit erreicht man wohl das Gegenteil. Wie sollen Eltern mit ihren Kindern eine Sprache sprechen, die sie selbst nicht korrekt beherrschen? Das wirkt sich auf die Sprachentwicklung beider Seiten negativ aus. Bessere Forderung an die Eltern wäre, dass sie differenzierter in der Muttersprache reden und auf die Gewinnung eines größeren Wortschatzes achten. Denn wenn ich mich in meiner Muttersprache mit großem Wortschatz und differenziert ausdrücken kann, werde ich automatisch dasselbe beim Deutschlernen anstreben.


Tatsache ist, wir sind sehr unterschiedlich und bunt. Das ist aber kein Nachteil, sondern ein Potenzial und ein Segen. Wir müssen lernen mit unserer Vielfalt und Individualität konstruktiver umzugehen. Sie als eine große Chance und Bereicherung zu sehen. Wir können die Realität der existierenden Diversität nicht verleugnen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einer mehrsprachigen Gesellschaft leben, in der ein nachhaltiger Bedarf an gut ausgebildeten zwei- oder mehrsprachigen Menschen existiert. Es ist Aufgabe der Politik individualisiertes Lernen zu ermöglichen. Und aufhören aus der einzigarten Diversität dieses Landes polarisierende Politik zu betreiben, um politisches Kleingeld zu machen und billig Stimmen zu gewinnen.

Die Kinder und ihre Zukunft ist kein Spiel!


Apropos...mittlerweile hebe ich selbstbewusst ab, wenn mich meine Mutter beim Einkaufen anruft, und richte der Kassiererin liebe Grüße aus Damaskus aus.

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