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  • Jad Turjman

„Viele Frauen leben lebenslang in Quarantäne“



Ich darf am Abend nicht mit meinen FreundInnen feierngehen.

Ich darf niemanden daten.

ich darf nicht ins Fitnessstudio gehen.

Ich darf nicht…

Für uns sind diese Einschränkungen durch Covid19 temporär, aber für viele viele Frauen auf

dieser Welt ist das trauriger Alltag und wird sie ihr Leben lang begleiten.

Auf diesen Gedanken hat mir eine Klientin, die aus Syrien mit ihrer Familie geflüchtet ist,

gebraucht. Sie schrieb mir auf Instagram: „ich fand es lustig wo ich gehört habe, das mein Alltag

quarantine heißt“


Ich dachte an die Zeit vor 10 Jahren, als ich damals in Damaskus sehen musste wie

meine Schwerste geschlagen wurde, weil sie einen Freund hatte. Während ich und

meine Ex-Freundin im Keller unseren Gefühlen freien Lauf lassen haben. Ich habe

damals diese verlogene Welt nicht verstanden und keine Antworten auf meine Fragen

gefunden. Ich habe versucht unbewusst gegen meine Innere Stimme, die dieses System

verabscheut, entgegenzutreten und zwanghaft mich damit abzufinden, es sei „die

Normalität“.


Jetzt lebe ich in Österreich und setzt mich aktiv für gleichberechtigte Gesellschaft bei dem

Projekt „Heroes“ ein.

In meiner Arbeit stoße ich leider oft auf taube Ohren. Jugendliche repräsentieren

festgefahrene Geschlechterrollenbilder und Denkmuster, die sie meistens

Als religiöses Gebot verstehen, was wahrlich mit der Religion nichts zu tun hat…

Denn minderwertiges Frauenbild ist kein Monopol der Muslimischen Flüchtlingen oder

Migranten. Ich erlebe es immer wieder bei bioösterreichischen Jugendlichen, die Solche

Aussagen vertreten wie: „Der Mann ist von Natur aus stärker, überlegener, ist

Familienüberhaupt“.



Ich selbst werde für meine Engagement von manchen Landsleuten oder Migranten

verspottet. Denn es heißt dann: „Männer, die sich für Frauenrechte einsetzen Schwule oder

Weicheier sind“. Tatsache ist aber, es erfordert viel Mut und Stärke, die Frauen als

ebenbürtige und geleichberechtigte Individuen sehen zu können. Es ist viel einfacher, wenn

meine Frau und Schwester, ohne zu argumentieren alles macht was ich will. Wenn sie mir

nicht auf Augenhohe begegnen können, werde ich nie dazu gedrängt werden, mein

Verhalten ihnen gegenüber in Frage zu stellen.


Ich konnte diese Ungerechtigkeit gegenüber Frauen erst verstehen, als ich sie selbst

mehrmals am eigenen Leid in Österreich erleben durfte. Als ich angekommen bin, musste ich

im Asylheim bleiben denn als Asylwerber durfte ich nicht arbeiten. Und Weigerung aufgrund

meiner Herkunft, mich in einem Fußballverein in Mondsee aufzunehmen, traf ganz hart. Und

ich gehe nicht mehr fort, denn ich kann die Zurückweisung der Türsteher mancher

Nightclubs nicht aushalten.


Also die Realität, dass Geflüchtete und Migranten fortgesetzt alltäglicher und Institutioneller

Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt sind, ist eindeutig zu bekämpfen. Aber wenn ich als jemand, der von Diskriminierung und Rassismus betroffen bin, mich nicht mit meinen eigenen diskriminierenden Denk- und Verhaltensmuster gegenüber Frauen auseinander setze, werden wir nicht weit mit der Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung auf gesellschaftlicher Ebene kommen.


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