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Jad Turjman

Ich bin 1989 in Damaskus, schon verliebt in die Magie der Worte und in die List des Dichters, aus der unbeschreiblichen Farbe der Mandelblüten die Nationalhymne zu machen, zur Welt gekommen. Als ich 2014 den Einberufungsbefehl erhielt, entschied ich mich zur Flucht, weil ich keine Waffe in der Hand tragen will und, indem ich das Leben eines anderen nehme, mich von meinem verabschiede. Denn ich bin überzeugt, dass den Friedensbaum mit Blut zu gießen ihn nur ersticken lässt. Als Kind begleitete ich oft meinen Opa, der als Geschichtenerzähler in Kaffeehäusern in der alten Stadt Damaskus arbeitete. Ich war fasziniert von den Farben, Tönen und dem Geschmack in seinen Worten, und wie er Erwachsene mit dicken Schnurrbärten, auf denen ein Adler stehen kann, mit der Macht der Rhetorik in lauschende Kinder verwandeln konnte. Ich träumte davon, auch Geschichtenerzähler zu werden. Und je älter ich wurde, desto unterschiedlicher wurden meine Zukunftsträume. Vom Romanschreiber über Dichter bis hin zum Komiker - aber ich wurde letztendlich zum Flüchtling.

Ja, ich bin der Flüchtling, kennst du mich nicht? Ich bin sehr berühmt.  

Ich bin für den Aufstieg der Rechtsextremen in Europa verantwortlich. 

Ich zahle tagtäglich die Rechnung für die Waffenindustrie mit meinem Schmerz, um sie am Leben zu halten.

Ich bin der Kompass in den Reden so mancher Politiker:innen, vom Anfang bis zum Ende. Denn für sie bin ich gefährlicher als Klimawandel, Pandemie oder Altersarmut.

Ich bin der Gesichtslose, der sich schuldig fühlt, wenn ein anderer Gesichtsloser einen Fehler macht. Ich bin der Gesichtslose, der sich bedroht fühlt von den Berichten der Medien, wenn die Gesichtslosen erwähnt werden.

Ich schreibe, um mir ein Gehör und eine Stimme zu verschaffen.

Ich trete trotz Unsicherheit auf der Bühne auf, damit wir beide über unsere Ängste lachen können.

Ich gebe dir meine Hand, weil ich nicht will, dass du mich als Fremder siehst und ich mich als solcher fühle.

Wir haben Augen, aber wir können einander nicht sehen. Lasst uns einander widerspiegeln.